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Neue medizinische S3-Leitlinie zur klinischen Ernährung und Hydrierung im Alter

Erstellt von Heike Jurgschat-Geer |
- Pflegefachwissen

Im Februar 2025 wurde die aktualisierte S3-Leitlinie veröffentlicht. In diesem Beitrag stelle ich interessante Aspekte für die Langzeitpflege vor.

In diesem Beitrag erfahren Sie

  • was man heute über die Relevanz weiß
  • wie Mangelernährung festgestellt wird
  • wie man schnell das Energiedefizit ermittelt
  • was selbststabilisierendes Essbesteck ist
  • welche Gefahr beim Kostaufbau zu bedenken ist

 

Relevanz der Mangelernährung

Bei älteren und hochbetagten Menschen zeigen Studien, dass ein niedriger BMI mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden ist. Untersuchungen in Pflegeheimen legen nahe, dass je höher der BMI ist, desto niedriger scheint das Mortalitätsrisiko zu sein. Dabei handelt es sich um Assoziationen und keine nachgewiesenen kausalen Zusammenhänge. Es ist möglich, dass schwere Erkrankungen zu einem Gewichtsverlust führen und der BMI somit eher ein Symptom als die Ursache ist. Davon unabhängig bleibt klar: Gewichtsverlust und Mangelernährung sind eigenständige Risikofaktoren für eine ungünstige Prognose. Sie führen zu einem schnelleren Verlust der Muskelmasse mit allen Auswirkungen auf den Kräftezustand und funktionale Fähigkeiten einerseits und wirken sich andererseits negativ auf das Immunsystem aus. Damit verbunden ist eine reduzierte Abwehrfähigkeit bei Infektionen, die nicht nur die Komplikationsrate und Rekonvaleszenzzeit erhöht, sondern auch die Überlebensrate senkt. 

 

Ernährungstherapie im klinischen Setting ist wirksam

Die Effort-Studie zeigt, dass eine gezielte Ernährungstherapie während eines Klinikaufenthalts diese Risiken deutlich reduzieren und bei hochbetagten Menschen die Mortalität sowie den funktionellen Abbau um 40 bis 50 Prozent senken kann. Im Jahr 2022 wurde die Effort II-Studie begonnen, um die Wirksamkeit der Ernährungstherapie im außerklinischen Setting zu untersuchen. In den Studien wurde folgendes therapeutisches Vorgehen gewählt:

  • Kalorienbedarf messen oder schätzen
  • Erhöhte Proteinziele festlegen: 1,2 – 1,5 g Protein pro kg Körpergewicht pro Tag.
  • Mikronährstoffbedarf großzügig decken, z. B. durch Multivitamin-Supplemente
  • Abgestufte Maßnahmen nach Bedarfsdeckung von der Beratung bis zur parenteralen Ernährung

 

Malnutrition erkennen: Die GLIM-Kriterien

Für die Diagnose Mangelernährung wurden die GLIM-Kriterien definiert. GLIM ist die Abkürzung für „Global Leadership Initiative of Malnutrition“. Ein internationales Expertenkomitee hat diese Diagnosekriterien entwickelt, um eine international konsentierte, einheitliche Definition des Krankheitsbildes Mangelernährung zu etablieren. 

Für eine Ersteinschätzung (Screening) wird weiter ein Assessmentinstrument eingesetzt. In der geriatrischen Versorgung sehr bekannt und für die Pflege auch gut nutzbar ist das Mini Nutritional Assessment (MNA) in Kurzform empfohlen. Der Begriff Kurzform wird synonym mit dem Begriff „Vor-Anamnese“ und dem Begriff „Screening“ verwendet. Es werden sechs Kriterien mit Punkten bewertet. Wenn im Ergebnis weniger als 8 Punkte erreicht wurden, ist von einer Mangelernährung auszugehen. 

Bei einem Wert zwischen 8 und 12 Punkten sind für die Diagnostik zusätzlich die GLIM-Kriterien zu betrachten. Die sechs Einzelkriterien sind nach phänotypischen und ätiologischen Merkmalen gegliedert (vgl. Abbildung). 

 

Für die Diagnose Mangelernährung müssen mindestens ein phänotypisches und ein ätiologisches Kriterium erfüllt sein. Damit wird unter anderem vermieden, dass ein biographisch schlanker Mensch fälschlicherweise als mangelernährt diagnostiziert wird. Wird eine Mangelernährung festgestellt, gilt es im nächsten Schritt – wie eigentlich immer – die Ursachen abzuklären, um eine möglichst ursachengerechte, individuelle Therapie abzuleiten. 

 

Praktische Hinweise zur Ernährungsintervention

Energiedefizit bzw. -überschuss einschätzen

Um festzustellen, ob die Nahrungsaufnahme dem Energiebedarf entspricht, wird die Erfassung der verzehrten Speisen für zwei bis drei Tage anhand eines Tellerdiagramm-Protokolls weiterhin als sehr effizient und aussagekräftig angesehen. 

Eine andere sehr praxistaugliche Methode wurde in einem Webinar der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie kürzlich vorgestellt (Wirth, 12.3.2025). Dabei beruht die Einschätzung auf der Annahme, dass 1kg Körpergewicht ungefähr 6.000 kcal entspricht. Kennt man die Gewichtsveränderung in einem definierten Zeitraum, kann ein Energiedefizit oder -überschuss ganz einfach berechnet werden. 

Beispiel: Ihre Gewichtskontrollen zeigen, dass ein Pflegeempfänger 5 kg Gewicht in 180 Tagen verloren hat. Dann rechnen Sie: 5 kg x 6.000 Kcal / 180 Tage = 167 Kcal Energiedefizit pro Tag. Zum Vergleich ein trockenes Brötchen hat ca. 145 Kcal. 

Ich finde diese einfache Methode sehr hilfreich für die Pflegepraxis. Wir haben im Alltag häufig mit schleichenden Gewichtsverlusten über einen Zeitraum von Monaten zu tun, für den es keine auf der Hand liegende Erklärungen gibt. „Die Person isst wie immer und nimmt trotzdem ab“. In unserem Beispiel würde bereits ein gebuttertes Brötchen auf die Hand als Maßnahme ausreichen, um einem weiteren Gewichtsverlust vorzubeugen.

 

Selbständiges Essen bei Tremor fördern

Aus dem Webinar mit Rainer Wirth bringe ich noch einen zweiten superguten Praxishinweis mit: ein tremor-kompensierendes, selbststabilisierendes Essbesteck. Der Löffel/ bzw. die Gabel gleicht selbständig den Tremor aus, so dass die Speisen nicht runterfallen und ganz normal zum Mund geführt werden können. Es liegt eine Zulassung als Hilfsmittel vor, die Krankenkassen entscheiden über eine Kostenübernahme individuell. 

Infobox Bravo Twist

Selbststabilisierendes Essbesteck bei Tremor und Zittern der Hände

HMV-Nr.: 02.40.02.9001, GKV-Hilfsmittelverzeichnis (Data Collector Model TC20)

Vertrieb: ProWalk

Hersteller: Gyenno

Video

Abschließend habe ich noch einmal die Orientierungswerte zur Ermittlung des Energie- und Flüssigkeitsbedarfs für die Planung zusammengefasst. Natürlich sind individuelle Faktoren wie Aktivitätsniveau, Krankheitsbilder und Wohlbefinden darüber hinaus immer zu berücksichtigen. 

 

Refeeding-Syndrom: Ein Risikofaktor beim Kostaufbau

Beim Refeeding-Syndrom (RFS) handelt es sich um eine potenziell lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung, die bei zu schneller Nahrungsgabe in zu großen Mengen nach 2-5 Tagen auftreten kann. Die Symptomatik kann sehr unspezifisch sein. Als typische Symptome werden in der S3-Leitlinie Muskelschwäche, Desorientiertheit und periphere Ödeme benannt (DGEM, 2025:60). Daher ist ein schrittweiser Aufbau der Kalorienzufuhr unter Berücksichtigung der Verträglichkeit entscheidend.

 

Fazit

Die präzise Erfassung des Ernährungsstatus und die gezielte Anpassung der Ernährung spielen in der Pflegepraxis eine entscheidende Rolle. Besonders bei pflegebedürftigen Menschen können individuelle Maßnahmen den Gesundheitszustand deutlich verbessern und die Lebensqualität steigern.

 

Infobox zur Vertiefung

DGEM: Empfohlene Screening-Instrumente

Diät & Information: Fachbeitrag zu den GLIM-Kriterien

Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin: Fachbeitrag zu den GLIM-Kriterien

Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin: Fachbeitrag zur EFFORT-Studie

AWMF: S3 Leitlinie Klinische Ernährung und Hydrierung im Alter

Originalpublikationen

Baumgartner A, Pachnis D, Parra L, Hersberger L, Bargetzi A, Bargetzi L, Kaegi-Braun N, Tribolet P, Gomes F, Hoess C, Pavlicek V, Bilz S, Sigrist S, Braendle M, Henzen C, Thomann R, Rutishauser J, Aujesky D, Rodondi N, Donzé J, Stanga Z, Mueller B, Schuetz P. The impact of nutritional support on malnourished inpatients with aging-related vulnerability. Nutrition. 2021 Sep;89:111279. doi: 10.1016/j.nut.2021.111279. Epub 2021 Apr 22. PMID: 34090212.

Individualised nutritional support in medical inpatients at nutritional risk: a randomised clinical trial. Schuetz, Philipp et al. The Lancet, Volume 393, Issue 10188, 2312 – 2321

Bild gesunder Nahrungsmittel