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Wenn Fachsprache verbindet: Die ICF am Beispiel Harninkontinenz

Erstellt von Heike Jurgschat-Geer |
- Sachverständigenwesen

Medizin, Pflege und Sozialberufe brauchen eine gemeinsame Sprache. Die ICF bietet genau das. Anhand des Beispiels Harninkontinenz wird gezeigt, wie das System hilft, komplexe Situationen klar zu erfassen und praktische Lösungen abzuleiten.

Inhalt

  • Komponente Körperstrukturen
  • Komponente Körperfunktionen
  • Komponente Aktivitäten & Teilhabe
  • Komponente Kontextfaktoren
  • Anwendungsfelder der ICF
  • Nutzen der ICF für die Pflegepraxis

Eine gemeinsame Sprache ist entscheidend für die interprofessionelle Zusammenarbeit in der Versorgung. Harninkontinenz ist ein anschauliches Beispiel dafür, da sie sowohl eine medizinische als auch eine pflegerische Diagnose darstellt. Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) bietet das Vokabular, um die Komponenten Körperfunktionen, Körperstrukturen, Aktivitäten/ Partizipation und Kontextfaktoren zu beschreiben. Sie ist interdisziplinär angelegt und dient Medizin, Pflege und Sozialberufen als verbindende Fachsprache. 

Aufbau und Codierung am Beispiel der Komponente Körperstruktur

Die im Zusammenhang mit der Harnkontinenz relevanten Körperfunktionen und -strukturen gehören zum Urogenitalsystem. Veränderungen der Funktionen sind in Domäne (Kapitel) b6 und Veränderungen der Strukturen in Domäne (Kapitel) s6 erfasst. Innerhalb einer Domäne werden wie Zweige, die von einem Ast abgehen, zusammenhängende Strukturen oder Funktionen zu Kategorien zusammengefasst. In diesen Kategorien befinden sich dann die einzelnen Begriffe – wie Blätter an einem Zweig. Jeder Bezeichnung ist ein Schlüssel aus Buchstaben und Zahlen zugeordnet, der insbesondere für die Digitalisierung und Auswertung von großen Datenmengen nützlich ist (siehe Tabelle). 

Beispiel für eine Verschlüsselung der Niere in der Komponente Körperstrukturen

  • Die Niere hat in der Komponente Körperstrukturen den Schlüssel s6100
  • Fehlt eine der beiden Nieren, kann das als eine mäßig ausgeprägte Schädigung eingeschätzt werden, die eine Ziffer 2 erhält: s6100.2
  • Da eine von zwei Nieren fehlt, ist die Art der Veränderung als „teilweise nicht vorhanden“ zu beurteilen und wird mit der Ziffer 2 verschlüsselt: s6100.22
  • Als letztes Merkmal wird die Lokalisation herangezogen:  1 = rechts, 2 = links. Damit ergibt sich für eine fehlende linke Niere der Schlüssel s6100.222, für eine rechte s6100.221 

Der Verlust einer linken Niere wird also mit s6100.222 verschlüsselt. Ein digitales Programm könnte den Schlüssel s6100.222 automatisiert übersetzen in: „mäßige Schädigung der Nierenstruktur durch eine nicht vorhandene Niere links“.

Funktionen der Harnorgane

Für uns in der Praxis bedeutsamer als die Körperstrukturen sind die Körperfunktionen. Die Funktionen des Urogenitalsystems sind im Kapitel b6 aufgeführt: 

  • Harnbildungsfunktionen
  • Miktionsfunktionen
  • mit der Harnbildung und -ausscheidung verbundenen Empfindungen 

Die Tabellen zeigen die hierarchische Baumstruktur der ICF beispielhaft an ausgewählten Begriffen und die Beurteilungsmerkmale. 
 

 

In der Komponente Aktivitäten und Partizipation (d) finden wir in der Domäne „Selbstversorgung“ (d5) die Kategorie d530 „Die Toilette benutzen“ und die Aktivität d5300 „die Belange der Blasenentleerung regulieren“. Für die Beschreibung wird die gleiche Differenzierung zum Ausmaß verwendet wie für die Körperfunktionen und Körperstrukturen. Dabei werden zwei Beurteilungsmerkmale herangezogen: 1. Leistung und 2. Leistungsfähigkeit. 
 

Leistung: Die Leistung berücksichtigt die Umweltfaktoren und die in der konkreten Situation gezeigten Fähigkeiten und damit die tatsächliche Teilhabe bzw. die Beeinträchtigung der Teilhabe. Die Leistung ist zum Beispiel maßgeblich für die Feststellung des Pflegebedarfs in einer konkreten Pflegesituation.
 

Leistungsfähigkeit: Leistungsfähigkeit geht von einer Standardumwelt und der maximalen Fähigkeit der Person zum Zeitpunkt aus. Sie ist beispielsweise der Maßstab bei der Einschätzung der Pflegebedürftigkeit. 
In beiden Aspekten können ergänzend als weiteres Beurteilungsmerkmal Hilfsmittel/ technische Assistenz oder personelle Assistenz berücksichtigt werden. 

Praxisbeispiel Frau X

Strukturen: Frau X hat eine mäßig ausgeprägte Schädigung der Nierenstruktur durch den Verlust der linken Niere (s6100.222). 
Funktionen: Die rechte Niere zeigt keine Beeinträchtigungen in der Filtration des Harns (b6100.0). Frau X hat eine leichte Schädigung der Miktionsfunktion (Stressinkontinenz), die sich in einem ungewollten Urinverlust beim Lachen oder Husten zeigt (b6202.1). 
Aktivitäten – Leistung (Partizipation): Frau X hat geringe Probleme die Blasenentleerung zu regulieren (d5300.2), wenn sie außer Haus ist, da es häufig keine gut erreichbaren Toiletten und Möglichkeiten sich zu reinigen gibt (e1501.3). 
Aktivitäten – Leistungsfähigkeit: Im häuslichen Umfeld hat sie keine Probleme (d5300.20). 
Kontextfaktoren: Sie nutzt keine aufsaugenden Inkontinenzprodukte (e1151+0), weil ihr das gegenüber anderen Menschen peinlich ist (e465.3). Sie erhält auch keine Physiotherapie (e5800+0), da sie bislang darüber mit ihrem Arzt noch nicht gesprochen hat. 

Das Beispiel zeigt deutlich, dass es einen Unterschied zwischen der situationsabhängigen Leistung (Teilhabe/ Partizipation) und der grundsätzlichen Leistungsfähigkeit (Aktivität) von Frau X gibt. Sie hat grundsätzlich die Fähigkeit die Blasenentleerung zu regulieren, kann dies aufgrund der Kontextfaktoren derzeit aber außer Haus nicht realisieren und ist in ihrer Teilhabe dadurch eingeschränkt. Der Schlüssel zur Teilhabeförderung und damit zur funktionalen Gesundheit liegt daher prioritär bei Frau X in der Arbeit an den Kontextfaktoren:

  1. Persönliche Einstellungen und Bewältigungsstrategien (personenbezogene Faktoren)
  2. Zugang zu Physiotherapie (z.B. Beckenbodentraining) (Umweltfaktoren)
  3. Akzeptanz und bedarfsabhängige Nutzung von Inkontinenzprodukten (Umweltfaktoren)
  4. Zugang und Verfügbarkeit von Toiletten im öffentlichen Raum (Umweltfaktoren)

Wo wird die ICF aktuell eingesetzt?

Die Anwendung der ICF ist im SGB IX verbindlich für die Rehabilitation und für die Behindertenhilfe vorgeschrieben. Sie kommt also in allen Settings und Konstellationen zur Anwendung, in denen das SGB IX berührt ist:

  • Frührehabilitation im Krankenhaus
  • Rehabilitationsmaßnahmen aller Träger
  • Leistungen der Eingliederungs- und Behindertenhilfe

Zudem ist sie die Grundlage, auf der das Begutachtungsinstrument zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit im SGB XI entwickelt wurde. Das der Klassifikation zu Grunde liegende bio-psycho-soziale Modell wird in nahezu allen Expertenstandards der Pflege herangezogen. Die Kodierungen sind bisher noch nicht gebräuchlich, gewinnen aber durch die Digitalisierung zunehmend an Bedeutung. 

Nutzen der ICF in der Pflegebegutachtung, Pflegeberatung und Pflegeprozessgestaltung

Die ICF unterstützt Pflegesachverständige dabei, Befunde zu Funktionsbeeinträchtigungen in eine fachgerechte Sprache zu fassen. Zur differenzierten Beschreibung der Fähigkeiten in den Aktivitäten sind insbesondere die ersten drei Domänen: 

  • Lernen und Wissensanwendung
  • allgemeine Aufgaben und Anforderungen
  • Kommunikation 

sehr nützlich. Auf Basis einer Fallstrukturierung mit Hilfe der ICF lassen sich sowohl bei Gutachten als auch in Beratungssituationen fundierte Ansatzpunkte für Interventionen und Empfehlungen ableiten. Die Beurteilung von Leistungsfähigkeit und Leistung ergänzt um die Merkmale technische und personelle Assistenz und die Differenz zwischen den Merkmalen bietet Pflegefachpersonen wertvolle Impulse für die Aushandlungs- und Verständigungsprozesse mit zu pflegenden Menschen und ihren Angehörigen in der Pflegeprozessgestaltung. Die Perspektive aller Beteiligten wird gezielt auf die Person des Pflegeempfängers (Person-Zentrierung) und die Förderung von Selbständigkeit und Teilhabe gelenkt. 

Fazit

Die ICF ist ein praxisnahes Instrument, das eine gemeinsame Sprache schafft und Pflegefachpersonen dabei unterstützt, Selbständigkeit und Teilhabe gezielt zu fördern und im interprofessionellen Team die pflegefachliche Perspektive verständlich zu kommunizieren.
 

Illustration der Urogenitalsystems und einer Frau mit Kontinenzproblemen